„Derjenige, der Fliegen lernen will, muss erst mal lernen auf beiden Beinen zu stehen. Man kann nicht mit dem Fliegen anfangen.“ (Friedrich Nietzsche)
Mein Pilot Andreas, der mich auf den ersten Segelflug meines Lebens mitnehmen sollte, konnte auf beiden Beinen stehen, gehen und laufen. Also vertraute ich mich ihm mit seiner fast zehnjährigen Flugerfahrung gerne an.
Wir bekamen einen F-Schlepp gegen 18.00 Uhr. Die Sonne stand schon etwas tiefer am Himmel und erste Schatten legten sich auf das Tal. Nach dem „Probesitzen“ in der engen Kabine des Zweisitzers und der Einweisung in die Benutzung des Fallschirms für den Notfall ging es los:
Wir waren rasch in der Luft und wurden in Richtung Hochgern (der Name des Berges ist Programm) schnell nach oben getragen. Der Schlepp war wetterbedingt teilweise ruppig.
Die Freiheit, die wir gewöhnlich mit dem Fliegen verbinden, implizierte in diesen Momenten die Lust daran, aber auch das Bewusstsein des Risikos. Das Segelfliegen macht die Ahnung sehr präsent, wie eng beides beieinander liegt; mehr noch als jeder Airbus auf dem Weg ins Urlaubsland. Segelfliegen schien mir eher Geländemotorrad als Cheflimousine.
„Ich habe Fliegen gelernt, seitdem will ich nicht erst gestoßen sein.“ (Friedrich Nietzsche)
Bei der Flugsportgruppe Unterwössen und der DASSU habe ich Menschen kennen gelernt, die Fliegen gelernt haben und sich nicht stoßen lassen. Sie fliegen mit einem hohen Maß an Verantwortungsbewusstsein, begegnen dem Risiko mit Vernunft, realistischer Selbsteinschätzung und solidem Know-How. Mein Pilot hielt während des gesamten Fluges mündlichen Kontakt mit mir, erklärte, was er tat, gab ruhig seine Anweisungen und schenkte mir nach dem Ausklinken von der Schleppmaschine zehn Minuten des Schwebens über dem Achetal, die im Verhältnis zum Schleppen wesentlich ruhiger waren. Zu sehen waren der Chiemsee, die Hochplatte mit einem Blick zum Wilden Kaiser und ganz in der Ferne der Hauptalpenkamm.
Die Sonne nahm derweil weiter ihren Lauf zur anderen Hälfte unseres Planeten, die Schatten bedeckten bereits das ganze Tal, als wir uns ans Landen machten.
„Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine verrückt.“ (Friedrich Nietzsche)
Das Verschieben von Grenzen schafft Raum für neue Erfahrungen. Diese können mit Neugier und Offenheit neue Wege erschließen. Mir brachte das Ende des Fluges sehr unterschiedliche Erlebnisse:
Mit dem Scheiden der Sonne kamen das Tagesende und die dunklen Wolken einer Gewitterfront. Wir stiegen mit gezogenen Bremsklappen ab, um schneller Höhe zu verlieren, und flogen nach einigen für mich gewöhnungsbedürftigen Turbulenzen auf die Landebahn zu. Andreas brachte den Zweisitzer dennoch sanft auf den Teer, wir rollten aus und standen wohlbehalten am Boden.
Meine Welt gedanklicher Höhenflüge in die Phantasie und in weltanschauliche Weiten kam durch diesen Flug in Berührung mit einer Welt existenzieller Herausforderung, die von den Piloten, die ich hier kennen gelernt habe, mit Gelassenheit, Können und Verantwortungsbewusstsein bewältigt wird. Ihre Lust an der Gratwanderung “Freiheit” war dabei immer zu spüren.
Ein herzliches Dankeschön für diese Erfahrung an alle, die dies möglich gemacht haben: Meinem Piloten Andreas, besonders auch für die gute Landung, Uli Kayser, dem Schlepp-Piloten, dem Flugleiter Max, dem Fluglehrer Michael, der mich einwies und allen, die in Gesprächen ihre Erfahrungen mit mir geteilt haben.




