Nach der Morgenpredigt werden die Socken scharf gemacht
Die erste Stunde am Steuerknüppel eines Segelflugzeugs / Erfahrungen und Erlebnisse zwischen Himmel und Erde.
Die Kugel des Kreiselkompasses tanzt im Glas. Der Bindfaden, mit Tesafilm draußen auf die Plexiglas-Kuppel geklebt, flattert in alle Himmelsrichtungen.
Und der Geschwindig- keitsmesser spielt verrückt. Mein Nervenkostüm auch. Denn ich sitze am Steuerknüppel eines Segelfliegers, eingeklemmt im Cockpit wie in einen Formel-1-Renner, und frage mich: “Warum habe ich mir das nur angetan?” Meine erste Flugstunde an Bord einer Schulungsmaschine vom Typ ASK 13 ist gerade mal 90 Sekunden alt, und ich bin eigentlich schon bedient. Vielleicht sollte ich meinen Plan, die Alleinflug-Lizenz für Segelflieger zu machen, ganz schnell wieder vergessen. Aber mein Fluglehrer – Werner Krüger (75), weiße Kappe, kurze Hose, braun gebrannt und drahtig- sieht das alles völlig locker. “Mensch Junge, nicht so verkrampft. Das Ding fliegt notfalls auch von alleine”, brummelt er.
Wir sind 400 Meter hoch über dem Flugplatz Unterwössen unterwegs, dem Standort der deutschen Alpensegelflugschule (DASSU). Die Häuser sehen aus wie in Legoland, Felder und Wälder werden zum Fleckerlteppich. Krampfhaft umklammere ich den Steuerknüppel.
Auch das hat Krüger längst gemerkt. “Geh doch nicht so grob mit dem Knüppel um”, witzelt er und fordert mich auf, die Hände in den Schoß zu legen. Und siehe da: Der große weiße Vogel mit seinen 17 Metern Spannweite kann’s tatsächlich allein. Sofort steht der Bindfaden genau mittig im Fahrtwind, der Kompass beruhigt sich. Und plötzlich kehrt auch mein Mut zurück; jetzt will ich es wissen: Starten, Geradeausfliegen, Kurvenflug, Anflug auf den Flugplatz, schließlich die Landung.
Was Anfänger als erstes lernen: Segelfliegen ist Teamarbeit. Spätestens um 8.45 Uhr treffen sich alle Flieger vor den großen Hallentoren. Dann heißt es zupacken, denn die Maschinen müssen ausgeparkt werden. Bis zu 26 der Flugzeuge, bis 300 Kilogramm schwer, werden nach und nach von Hand an die Startposition auf dem asphaltierten Rollfeld geschoben. Zuerst die Motorsegler, dann die Doppelsitzer. Mein Flugzeug ist eines der letzten, die vorbereitet werden.
“So Junge, mach die Socken scharf, wir sind als nächstes dran“, fordert mich Fluglehrer Krüger auf – sein rustikaler Charme verjagt das Lampenfieber. Konzentration wie bei den Berufspiloten. Auch in Unterwössen geht kein Segelflieger ohne Check an den Start. Und Fluglehrer Werner Krüger zeigt, was auch ich in Zukunft wie im Schlaf vor jedem Start machen muss. Mit Luchsaugen sucht er den Rumpf unserer ASK 13 nach Beschädigungen ab, streicht vorsichtig mit den Händen über die weiß lackierte Stoffhaut. Dann legt er sich auf den Boden, lugt und greift in jeden Schlitz, rüttelt an allen Verbindungen. Vor allem: Er schaut nach, ob alle Verbindungen fest, ob Seiten- und Höhenruder beweglich sind. “Das muss sein!”, mahnt er. Nachlässigkeit könnte tödliche Folgen haben.
Noch bevor ich an den Start gehe, steht das liebevoll “Morgenpredigt” genannte Briefing durch den Ausbildungsleiter auf dem Programm – wer fliegt welche Maschine, wer mit welchem Lehrer. er ist in seinem Element, der Stress feuert ihn an: “Wenn hier richtig Betrieb ist, ist Rhein-Main ein Lacher dagegen.” 200 bis 300 Starts und Landungen an schönen Segelflieger-Tagen sind in Unterwössen nichts Ungewöhnliches.
“ASK 13 am Seil 1 startklar. Seil anziehen” – das ist das Kommando für den Mann an der elektrischen Winde. Das 1000 Meter lange Stahlseil, eingeklinkt am Rumpf meines Flugzeuges, spannt sich langsam; unter der Plexiglashaube im Cockpit höre ich nur ein leises Schleifgeräusch. Dann geht es ruckartig los. Unser Flieger mit der Kennung D-7505 beschleunigt und presst mich in den Pilotensitz. Ein kleiner Holperer, nach weniger als 30 Meter hängen wir wie ein großer Drachen an der Stahl-Schnur und steigen mit Tempo 120 wie Ikarus in die Sonne – fünf bis zehn Meter pro Sekunde. In etwa 400 Metern Höhe klinkt sich die Maschine selbsttätig aus.
“Jetzt kannste deine Künste zeigen”, macht Fluglehrer Krüger Mut. Ich drücke den Steuerknüppel leicht nach vorne, die ASK 13 nimmt Fahrt auf. Meine erste Platzrunde beginnt mit einer Linkskurve. Also: Steuerknüppel nach links. Eine Kurve wird daraus trotzdem nicht, das Flugzeug eiert herum. Krüger zeigt mir, wie es richtig geht: Steuerknüppel und Seitenruder kurz auf Linkskurs und sofort wieder auf Neutral – so fliegt das Flugzeug die Kurve ganz allein.
Entlang des Buchbergs gleitet die ASK 13 mit 90 Kilometer Geschwindigkeit parallel zum Segelfluggelände. Landeanflug. “So, jetzt zielst du auf den Zebrastreifen da unten”, heißt das Kommando. Landeklappen raus, rein, mal mehr, mal weniger. Der Aufsetzpunkt kommt schnell näher, die Markierung der Landebahn zoomt heran. Knapp über dem Asphalt lässt mich Krüger die Maschine abfangen. “Knüppel langsam anziehen. Mehr, mehr, mehr!” Dann quietscht der Gummireifen, es poltert, Mutter Erde hat uns wieder. “Siehste, geht doch schon ganz gut”, lobt Werner Krüger beim Aussteigen. Und gibt noch eine Lebensweisheit obendrauf: “Immer locker bleiben“.
Rudi Kanamüller
(Süddeutsche Zeitung, August 2001)




