Etwas Glück braucht der Mensch!

22. 5.1972

Heute, Pfingstmontag war es bei relativ spätem Start ein 300 km Dreieck mit 65 km Durch­schnittsgeschwindigkeit. Wenn es Morgen genauso gut läuft, müsste mit dem L-Spatz D 1114 auch ein 500 km Dreieck zu schaffen sein. Ein Versuch kann ja nicht Schaden.

Um den morgendlichen Stress zu minimieren, werden alle Vor­bereitungen noch heute erledigt und frühzeitig zu Bett gegangen.

Nun, so frühzeitig geht es doch nicht ins Bett. Die Ausarbeitung der Strecke nimmt mehr Zeit in Anspruch als ich dachte. Das ge­plante 528 km Dreieck Unter­wössen – Imst – Grimming – Unterwössen hat bedingt durch die Umwege, die zu fliegen sind, in Wirklichkeit 567 km. Es steht ein L Spatz zur Verfügung, das vom Hersteller bei böigem Wetter auf 110 km/h be­schränkt wird und dessen bestes Gleiten bei 73 km/h mit 1:29 und angeblich bei 90 km/h mit 1:27 sein soll. Zieht man den Herstellerbonus ab, bleiben wahrscheinlich noch 1:26 übrig.

Und nun beginnt das Rechnen:

Bei 1:26 und einer Strecke von 542 km brauche ich einen Höhengewinn von ca. 21.000 m. Den Schlepp auf 1000 m abgezogen bleiben immer noch 20.000 m

Um diese Höhe zu erreichen, benötige ich bei einem durchschnittlichen Steigen von 2 m/s 10.000 sec, also rund 3 Std.

Diese 3 Std. von den geplanten 8 Std. Flugzeit abgezogen, verbleiben noch 5 Std.

Demnach ist zwischen den Aufwinden eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 109 km/h nötig. Na ja, liegt ja noch unter der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 110 km/h bei  böigem Wetter. Welchen Gleitwinkel hat der Spatz denn bei 109 km/h ?

Besser nicht nachdenken sondern einfach annehmen, daß das durchschnittliche Steigen doppelt so groß ist. Dann klappt es schon.

 

23.5.1972

600       Raus aus den Federn, rein in die Klamotten und noch vor dem Zähneputzen und Waschen ein Blick zum Hochgern. Der Himmel scheint genauso tiefblau zu werden wie gestern. Der erste Eindruck verspricht einen sehr guten Flugtag.

800       Hinter der Traunsteiner K 6e mit Adi Ebersberger und dem 17m Cirrus mit Remi Zähler steht mein L-Spatzen am F-Schlepp und nach dem Fotografieren der Tafel bleibt noch jede Menge Zeit für intensive Dis­kussionen über das Für und Wider der ge­planten Strategie.

910       Der talauswärts strömende Wind wird schwächer und schläft nach kurzer Zeit ganz ein. Ein sicheres Zeichen, daß in der Gipfel­region bereits die Thermik eingesetzt hat

 

925       Der Talwind hat sich gedreht und strömt nun taleinwärts. Die Wolken­bildung wird konstanter. Als erster hängt die Traunsteiner K 6e, dann der Cirrus hinter der Piper und um 946 hänge ich hinter der Schleppmaschine. 9 Minuten später ist der Gipfel der Hochplatte er­reicht. Wie erwartet steht dort ein mächtiger Bart. Mit gleichen Steig­werten wie im Flugzeugschlepp geht es weiter. Erst oben wird mir bewußt, daß bei einem derartig rasanten Aufstieg der Ausklinkpunkt auf dem Barogramm nicht sichtbar sein könnte. Im Nachhinein bestätigte sich dies auch und der Schleppilot mußte bezeugen, daß er mich ordnungsgemäß in 1000 m über Platz abgesetzt hatte.

1000     2200 m NN sind erreicht und es geht entlang der Kampenwand über das Aschauer Tal zum Spitzstein. Hier heißt es vor der Inntalquerung möglichst viel Höhe zu machen. In 2350 m ist die Basis erreicht.

Der Flug über das Inntal kostet 600 Höhenmeter. Wie erwartet komme ich am Brünnstein über der Hangkante an. Die Basis ist hier schon bedeutend höher und die gesamte Südseite geht sehr gut, so daß ich schnell auf 2600 m komme. Über das Sonnwendjoch und die Guffertspitze geht’s zum Rofan und weiter über den Achensee zur Lamsenspitz und zum Bettelwurf. Die Basis ist hier bereits auf 2900 m angestiegen. Vor mir, entlang der Nordkette markieren Innsbrucker Segelflieger die Bärte.

Am Ostende der Miminger, der Hohen Munde, geht es mit 4 m aufwärts und am Hochplatling sind 3200 m erreicht. Die Wolken in den Lechtaler Alpen schauen sehr verlockend aus, aber auch am Tschirgant steht eine prächtige Wolke. Es stellt sich die Frage, welche Route die Richtige ist. Der direkte Anflug auf den Tschirgant und dann ins Tal hinaus zum Wendepunkt und wieder zurück zum Tschirgant, oder auf der etwas längeren Route über Nassereith und von dort direkt über den Wendepunkt zum Tschirgant. Ich entscheide mich zum Flug über die Lechtaler.

1200     Die erste Wende ist umrundet und die Fotografiererei erledigt.

Euphorie stellt sich ein, den für den ersten Schenkel von 138 km habe ich einen Schnitt von 83 km/h erreicht. Besser kann es gar nicht laufen.

Am Tschirgant steht immer noch die schöne Wolke. In 2550 m, also 180 m über dem Gipfel, komme ich an. Hier steht ein guter Bart, in dem sich auch andere tummeln. Da es recht eng zugeht, verabschiede ich mich in 3300 m und fliege direkt zu den Mimingern. Auf der gesamten Rippe bis zum Ostende, dem Simmering ist kaum ein Höhenverlust zu beklagen. Ohne Belästigung durch andere erreiche ich an der Hohen Munde die Basis in 3400 m. Weiter geht’s entlang der Nordkette zur Lamsenspitz und von dort zum Kellerjoch.

Das Kellerjoch mag mich heute nicht. Nach einigem Herumsuchen mit mäßigem Erfolg gebe ich auf und fliege auf der Westseite des Zillertals entlang, um in der Höhe von Aschau die Talquerung zum Kreuzjoch durchzuführen. Auf diesen 15 km geht so gut wie gar nichts mehr, so dass schon abzusehen ist, dass am Kreuzjoch ein klein wenig Hangsegeln mit eingeplant werden muss.

Und so ist es dann auch.  Der Aufwind über den Almwiesen liegt so dicht am Hang, dass er nicht auszukurbeln ist. Durch zeitraubendes Hangfliegen arbeite ich mich langsam wieder über Hangkante. Von dort geht es zügig weiter. Aus 2 m werden 3 bis 4 m/s und im Nu ist die Wolkenuntergrenze erreicht. Stolze 3500 m ist hier am Gerlos die Basishöhe. Das Auskurbeln des letzten Bartes bis zur Basis war ein Fehler, bei dem ich wieder einmal wertvolle Zeit ver­tan habe. Es stellt sich heraus, dass die Basis in Richtung Paß-Thurn nicht nur stark absinkt sondern dass die Wolkenstraße zeitweise auch noch mit 3 bis 4 m Steigen aufwartet.

Zu knapp an der Basis zu fliegen ist nicht nur gegen das Gesetz sondern auch wegen des starken Flugverkehrs im Pinzgau nicht ratsam. Auf diesem Streckenabschnitt geht es zu wie auf der Autobahn und ob die anderen einen immer sehen, ist zu bezweifeln. Was bleibt mir da anderes übrig, als die Klappen zu ziehen, um nicht mit den Wolken in Berührung zu kommen. An manchen Stellen werde ich sogar gezwungen, neben der Wolkenstraße zu fliegen, um nicht eingeschnupft zu werden.

Am Großen Rettenstein ist der Ritt über Salzachgeier, Kröndlhorn und Steinkogel zu Ende. In 3200 m, knapp unterhalb der Basis, komme ich dort an. Wenn auch die Basis hier 300 m tiefer ist, so sind doch ca. 30 km ohne zu kurbeln und mit ausgefahrenen Klappen ein schönes Erlebnis. Von hier aus geht es zügig bis. nach Zell am See. An der Schmittenhöhe habe ich noch knappe 2000 m. Meine Erwartungen werden nicht enttäuscht. Hier steht ein mächtiger Bart, der mich wieder auf 3200 m bringt.

Nun ist aber guter Rat teuer. Die Wolken auf der Nordseite des Tales zu meinem 2. Wende­punkt sind zerzaust und schauen nicht allzu gesund aus. Außerdem scheint die Basis auch noch etwas tiefer zu sein.

Auf der Südseite, am Hauptkamm, machen die Wolken einen wesentlich besseren Eindruck, aber es ist eine weitere Talquerung notwendig und von der direkten Flugroute müsste ich ca. 15 km nach Süden abweichen. Daß dort alle Täler in Nord–Südrichtung verlaufen und ich spätestens zwischen Dachstein und Grimming wieder auf die Nordseite wechseln muss, gibt den Ausschlag zur Beibehaltung der geplanten Route.

Bis zum Hundstein läuft alles noch wie gehabt, aber der restliche Weg bis zum Hochgrundeck gestaltet sich äußerst schwierig. Richtige Bärte gibt es nicht mehr. Kurzzeitige Steigwerte von maximal o,5 m sind zwar noch anzutreffen, aber auszukurbeln sind sie nicht.

Zäh geht es voran und sehnsüchtig schaue ich auf die Südseite, wo für mich unerreichbar die schönsten Cumulanten stehen. Da ich zum Wechseln der Talseite bereits zu viel Höhe eingebüßt habe, bleibt mir nichts anderes übrig als mich über den Hochgrundeck und Rossbrand zum Dachstein durchzumogeln. Zu dem, mit seinen 2995 m kann ich nur hinaufschauen. Der mäßige Aufwind, der auch noch sehr nah am Hang liegt, ist nicht zu fassen. Das zerklüftete Relief lässt sich auch mit Hangfliegen nicht packen und irgendwo, weit hinter mir hab ich meine Euphorie ligengelassen.

Nach ca.10 Minuten gebe ich entnervt auf und fliege zum Stoderzinken weiter. 1900 m sind es hier noch, aber der Gipfel ist etwas näher. Hangschrubben ist wieder einmal angesagt, aber es geht aufwärts. Oberhalb der Hangkante geht es sogar recht flott nach oben, so dass meinem moralischen Tief schnell wieder ein Hoch folgt.

1614     Der Grimming ist erreicht und das Wendepunktfoto ist gemacht. Für die bisher ge­flogenen 414 km wurde ein Schnitt von 67 km/h erreicht. Naja, 1 km/h unter den geplanten 68 km müsste noch aufzuholen sein.

Der Rückweg beginnt.

Erstaunlicherweise geht es bedeutend besser als beim Hinflug. Am Dachstein komme ich zwar wieder unter 2300 m an, aber im Gegensatz zu vorher kann ich jetzt einen guten Bart bis in eine Höhe von 3300 m auskurbeln. Die Steigwerte des Bartes im oberen Bereich lassen zwar stark nach aber mit der Höhe steigt auch mein Optimismus wieder.

In Richtung Zell am See beginnen die Konturen der Wolken auszufransen und am Haupt­kamm schaut es nicht viel besser aus. Eine Tendenz zum Zerfall der Wolken ist zu sehen.

Zwar tragen der Roßbrand und der Hochgrundeck noch, aber mehr wie 100 bis 200 m können dort nicht gutgemacht werden. In Richtung Hundstein haben sich die Wolken unterdessen ganz aufgelöst.

Langsam gebe ich den Traum vom 500 km Dreieck auf. Zell am See ist verlockend nahe und sehr einladend.

Im Steinernen Meer, am Breithorn steht noch ein gut aussehendes Wölkchen. Sollte dieses bis zu meiner Ankunft nicht schon den Geist aufgegeben haben, bestünde doch noch die Chance, wenigstens bis nach St. Johann zu kommen. Wenn nicht, bietet sich Zell immer noch an. Also ab in Richtung Breithorn

Zum Hochkönig mit seinen 2941 m muss ich schon weit hinaufschauen und das Breithorn überragt mich bei meiner Ankunft um gute 400 m.

Mit Hangsegeln geht hier gar nichts. Der immer noch vorhandene Bart kommt aus einem engen Einschnitt, der kaum auszukurbeln ist. Einen Halbkreis, dicht am Berg, geht es hoch, den anderen Halbkreis geht es abwärts. Nach 20 Minuten bin ich in Höhe der Hangkante. Jetzt geht’s nicht mehr höher. Ich kann zwar die Höhe halten aber das ist auch alles. Nach weiteren 15 Minuten gebe ich auf. Zell am See oder St. Johann, das ist jetzt die Frage .

Über dem Hundstein hat sich unterdessen ein leichter Wolkenschleier gebildet. Ein Zeichen, dass doch noch etwas gehen könnte und außerdem ist Zell am See näher.

Beim Näherkommen entdecke ich die Traunsteiner K6 unter dem Wolkenschleier kurbeln. Auf meine Anfrage bezüglich der Steigwerte bekomme ich die deprimierende Auskunft: „0 bis 1 m Saufen“. Ich bin einige Meter über der Hangkante und hier herrscht absolute Ruhe. Also Landung in Zell am See. Um die Höhe abzubauen, fliege ich mit Höchstgeschwindigkeit die Hangkante entlang und ein klein wenig Turnen ist angesagt. Plötzlich tönt es aus meinem Lautsprecher „Hans, jetzt geht’s mit 1 bis 1,5 m aufwärts“. Obwohl ich schon unter der Hangkante bin, wird sofort der Bart gesucht und siehe da, es geht aufwärts. Aus dem 1,5 m werden 2 bis 2,5 m und wieder einmal, obwohl die Steigwerte im oberen Bereich bis auf 0,5 m absinken, keimt ein Hoffnungsschimmer auf.

Welch schönes Gefühl. Der Bart bringt uns bis auf 2800 m und die Welt ist rosig. Unterdessen ist weit und breit kein Wölkchen mehr zu sehen. Mit dieser Höhe wären die 57 km bis Unterwössen zu schaffen, wäre da nicht ein kleines Hindernis. Die Steinplatte (1869 m) 17 km vor Unterwössen steht im Weg. St. Johann ist aber sicher zu erreichen.

Wie war das doch mit der Abendthermik? Kalte Luft sinkt von den Hängen ins Tal und die wärmere Luft wird deswegen in der Talmitte nach oben gedrückt. Sollte uns dies zu ver­mindertem Saufen verhelfen, könnte der Heimflug vielleicht doch noch gelingen.

Im Verband geht’s mit bestem Gleitwinkel Richtung Heimat und siehe da, die Täler tragen.

Nach dem Umrunden der Süd-West-Ecke der Loferer-Steinberge ist hinter dem Einschnitt westlich vom Gipfel der Steinplatte bereits ein Zipfel vom Chiemsee zu sehen.

Es wird nochmals recht knapp. Wenige Meter über den Bäumen geht es durch den Einschnitt westlich der Steinplatte und hinaus nach Reit im Winkel.

1843     Nach 8 Stunden 47 Minuten lande ich wieder in Unterwössen.

Die erreichte Durchschnittsgeschwindigkeit mit knapp 56 km/h für das 528 km Dreieck ent­sprach zwar nicht annähernd der geplanten Geschwindigkeit von 68 km/h, aber was macht das schon.

Das Anstoßen mit der Rückholmannschaft auf den gelungenen Flug haben wir dann im Stehen vollzogen, um die Spuren des fast neunstündigen Fluges etwas zu mildern.

Hans Limmer

 

 

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